Gefühle anerkennen, ohne nachzugeben: Warm und klar zugleich
„Aber wenn ich sage, dass sie traurig ist, muss ich ihr dann nicht die Süßigkeiten kaufen?“ Viele Eltern befürchten, dass ein Gefühl anzuerkennen dasselbe ist, wie der Forderung dahinter nachzugeben. Das ist es nicht. Gefühle anzuerkennen, ohne nachzugeben, heißt, zwei Dinge zu trennen, die sich oft verheddert anfühlen: das Gefühl, das du annimmst, und den Wunsch, den du trotzdem ablehnen darfst.
Zwei verschiedene Aufgaben
Wenn dein Kind vor dem Abendessen nach noch einem Keks schreit, passieren eigentlich zwei Dinge. Da ist ein Gefühl, echte Enttäuschung oder echter Frust, und da ist ein Wunsch, nämlich mehr Kekse. Du kannst dem Gefühl mit Wärme begegnen und die Grenze bei den Keksen trotzdem halten. „Du wolltest so gern noch einen. Es nervt richtig, Nein zu hören. Gleich gibt es Abendessen, darum sind die Kekse jetzt fertig.“ Warme Worte, klare Grenze. Nichts wurde hergegeben.
Das ist der Kern: Gefühle anerkennen, ohne nachzugeben, Kind für Kind, Moment für Moment. Freundlichkeit ist nicht dasselbe wie Erlaubnis, und eine Grenze ist nicht dasselbe wie Kälte.
Warum Anerkennung so wichtig ist
Kinder, die sich verstanden fühlen, beruhigen sich mit der Zeit schneller als Kinder, die sich abgewiesen fühlen. Wenn du das Gefühl benennst und annimmst, bekommt das Gehirn deines Kindes die Botschaft, dass es sicher ist und nicht allein mit etwas Überwältigendem. Dieses Gefühl von Sicherheit lässt den Sturm irgendwann vorüberziehen. Wird das Gefühl dagegen beiseitegewischt, dreht das oft die Lautstärke hoch, denn jetzt kämpft das Kind gegen die ursprüngliche Enttäuschung und gegen das Gefühl, nicht gehört zu werden.
Anerkennung verwöhnt Kinder nicht und macht sie nicht fordernder. Endloses Verhandeln entsteht eher durch das Gegenteil: erst hart bleiben, dann wackeln, dann nach langem Protest nachgeben. Das bringt einem Kind bei, dass ein großer Sturm irgendwann wirkt.
Wie Anerkennung tatsächlich klingt
Anerkennen heißt nicht, überschwänglich zu sein oder dem Kind recht zu geben. Es kann kurz und ruhig sein.
- „Du bist richtig sauer, dass wir vom Spielplatz gehen müssen.“
- „Es ist schwer zu warten, wenn man etwas so sehr will.“
- „Du würdest gern noch aufbleiben. Das verstehe ich.“
Keiner dieser Sätze verspricht, das Ergebnis zu ändern. Du spiegelst einfach, was dein Kind fühlt, damit es weiß, dass du es gesehen hast.
Die Grenze mit derselben Ruhe halten
Wenn du das Gefühl benannt hast, sag die Grenze klar, und zwar nur ein- oder zweimal. Lange Erklärungen laden zur Debatte ein. „Ich weiß, du bist enttäuscht. Wir gehen trotzdem jetzt nach Hause.“ Dann hör auf zu reden und bleib in der Nähe. Du musst dein Kind nicht überzeugen, anders zu fühlen. Deine Aufgabe ist, ruhig zu bleiben, während das Gefühl durch es hindurchzieht.
Versuch, deine Stimme gleichmäßig zu halten. Spürt dein Kind, dass sein Kummer dich aus der Fassung bringt, wirkt die Grenze plötzlich verhandelbar. Ruhig und freundlich schlägt laut und belehrend jedes Mal.
Wenn dir klar wird, dass du Ja sagen solltest
Seine Meinung zu ändern ist nicht immer Nachgeben. Bringt dein Kind ein gutes Argument, oder merkst du, dass die Grenze unvernünftig war, darfst du umschwenken, solange du es wegen der Begründung tust und nicht wegen der Lautstärke. Der Unterschied liegt in Zeitpunkt und Grund. „Du hast recht, ich hab es nicht erklärt, lass uns eine Lösung finden“ ist flexible Erziehung. „Na gut, nimm die Süßigkeiten, aber hör auf zu schreien“ bringt bei, dass Schreien wirkt. Entscheide nach der Sache, am besten bevor der Ausbruch seinen Höhepunkt erreicht, und nicht, weil du den Lärm nicht mehr aushältst.
Wenn es wirklich schwer ist
An manchen Tagen bist du müde, in der Öffentlichkeit oder am Ende deiner Geduld, und Nachgeben scheint der einzige Weg zu etwas Ruhe. Das ist menschlich. Wenn es passiert, ist es keine Katastrophe. Nimm es wahr und versuch, die nächste vernünftige Grenze ruhig zu halten. Beständigkeit bei den meisten Gelegenheiten zählt viel mehr als eine perfekte Bilanz.
Es hilft auch, Grenzen mit Bedacht zu wählen. Nicht jeder Wunsch muss ein Kampf werden. Wenn du aber eine Grenze setzt, versuch, sie auch so zu meinen, damit ein Nein seine Bedeutung behält.
Ein Wort zu großem oder anhaltendem Kummer
Gewöhnlicher Protest, Tränen und sogar Wutanfälle gehören zur frühen Kindheit, wenn Gefühle größer sind als die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. Ist der Kummer deines Kindes an den meisten Tagen extrem, dauert er sehr lange, verletzt es sich selbst oder andere regelmäßig, oder hast du das Gefühl, nicht mehr zurechtzukommen, sprich mit deiner Kinderärztin oder deinem Kinderarzt. Sich Unterstützung zu holen ist vernünftig und kein Zeichen von Versagen.
Das Gleichgewicht, das zählt
Du bringst zwei Lektionen gleichzeitig bei: dass Gefühle immer erlaubt sind und dass nicht jeder Wunsch erfüllt wird. Zusammen gehalten, wächst daraus ein Kind, das sich sicher fühlt und trotzdem Grenzen versteht. Gefühle anzuerkennen, ohne nachzugeben, gehört zu den nützlichsten Fähigkeiten in der Erziehung, denn so kannst du weich mit dem Menschen und klar bei der Regel sein, beides zur selben Zeit.
Das Wichtigste: Nimm das Gefühl mit warmen Worten ganz an, halte dann die Grenze ruhig und ändere deine Meinung nur aus guten Gründen, nie wegen des Lärms.
American Academy of Pediatrics, HealthyChildren.org: Emotional Wellness