Geschichten erzählen mit Kindern: So entsteht ein Erzählabend in der Familie

Lange vor Büchern, Bildschirmen oder Apps zum Einschlafen haben Familien am Feuer mit erzählten Geschichten weitergegeben, wer sie sind. Dieser Instinkt lebt noch in Kindern, die sich vorbeugen, sobald ein Erwachsener sagt: „Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“ Einen Erzählabend in der Familie aufzubauen, heißt, eine der ältesten und wärmsten Traditionen überhaupt zurückzuholen und deinem Kind regelmäßig eine Portion Fantasie, Sprache und Zugehörigkeit auf einmal zu schenken.

Warum Erzählen hier mehr kann als ein Bildschirm

Eine Geschichte zu erzählen, statt sie vorzulesen oder anzuschauen, hat etwas Besonderes. Es ist entspannt, es ist persönlich, und es lädt dein Kind ein, mitzuerfinden, statt nur aufzunehmen. Es gibt Blickkontakt, Lachen und eine gemeinsame Fantasiewelt, die zwischen euch entsteht. Genau diese Art von gemeinsamer, sprachreicher Begegnung unterstützt die Entwicklung kleiner Kinder, und sie schafft eine Nähe, die kein Bildschirm erreichen kann, so gut die Sendung auch sein mag.

Den Rahmen einfach halten

Ein Erzählabend braucht keine Requisiten, Kostüme oder Bühne. Er braucht einen festen Termin, einen gemütlichen Platz und die Bereitschaft anzufangen. Viele Familien legen ihn auf einen Abend in der Woche, dimmen das Licht, kuscheln sich unter eine Decke und legen einfach los. Die Einfachheit ist der Punkt: Je niedriger die Hürde, desto eher wird daraus ein bleibendes Ritual. Widersteh dem Drang, eine Inszenierung daraus zu machen, und lass ihn klein und warm sein.

Welche Geschichten ihr erzählen könnt

  • Erfundene Abenteuer, in denen dein Kind der Held oder die Heldin ist.
  • Wahre Geschichten aus deiner Kindheit oder aus dem Leben deiner Eltern.
  • Überlieferte Geschichten, Sagen und Märchen, besonders aus eurer Herkunft.
  • „Was heute passiert ist“, nacherzählt als kleine, spannende Geschichte.
  • Reihumgeschichten, bei denen jeder den nächsten Satz ergänzt.

Du musst kein geborener Erzähler sein. Kinder sind das nachsichtigste Publikum der Welt, und eine wackelige, selbst erfundene Geschichte darüber, wie dein Kind einen Kekse klauenden Drachen besiegt, schlägt jedes Mal eine perfekte Aufnahme. Die Wärme und das Persönliche zählen viel mehr als das Handwerk.

Die Kinder mit erfinden lassen

Die schönsten Erzählabende sind die, an denen Kinder nicht nur zuhören, sondern die Geschichte mit dir bauen. Halt inne und frag: „Und was glaubst du, was dann passiert ist?“ Lass sie den Namen des Helden, den Ort oder die überraschende Wendung aussuchen. Eine Reihumgeschichte, bei der jeder einen Satz hinzufügt, macht das Erzählen zu einer kichernden Teamarbeit. Dieses gemeinsame Erfinden fördert Sprache und Fantasie deines Kindes und lässt es spüren, dass seine Ideen die gemeinsame Welt der Familie wirklich prägen.

Die Wurzeln eurer Familie einweben

Ein Erzählabend ist ein wunderschöner Weg, Herkunft weiterzugeben. Überlieferte Geschichten, Sagen und Märchen aus eurer Kultur und wahre Geschichten über Großeltern und Vorfahren verbinden dein Kind mit einer längeren Linie aus Familie und Kultur. Die Geschichten zu hören, mit denen Oma und Opa aufgewachsen sind, oder die Geschichte, wie die Familie dorthin kam, wo sie heute ist, verwurzelt ein Kind in etwas Größerem als der Gegenwart. Hier treffen Erzählen und Zugehörigkeit am kraftvollsten aufeinander.

Mit großen Altersunterschieden umgehen

Hast du Kinder in unterschiedlichem Alter, könnt ihr trotzdem einen Erzählabend teilen. Jüngere Kinder mögen einfache, sich wiederholende, alberne Geschichten, ältere mehr Handlung, Spannung und Mitmachen. Lass die älteren Kinder den jüngeren Geschichten erzählen, das schmeichelt ihnen und stärkt die Geschwisterbindung. Eine Geschichte kann mehrere Ebenen haben, die alle gleichzeitig erreichen, und das gemeinsame Ritual zählt mehr, als sie für jedes Kind perfekt zu treffen.

Dranbleiben

Wie jede Tradition lebt ein Erzählabend von Wiederholung und einer niedrigen Hürde. Schütze seinen Termin, halte ihn kurz genug, dass er durchzuhalten ist, und mach dir keine Gedanken, wenn manche Abende misslingen. An müden Abenden zählt auch eine Geschichte von zwei Minuten und hält den Faden lebendig. Über Monate und Jahre werden diese gesammelten Abende zu einem prägenden Teil eures Familienrhythmus, und vielleicht trägt dein Kind ihn eines Tages zu seinen eigenen Kindern weiter.

Ein sanfter Hinweis zum Wohlbefinden

Geschichtenerzählen ist ein gesundes Vergnügen ohne viel Risiko. Halte die Inhalte nur altersgerecht und pass gruselige oder schwere Themen deinem Kind an, damit das Zubettgehen ruhig bleibt und nicht beängstigend wird. Geschichten erzählen und teilen unterstützt auch Sprache und Zuhören. Machst du dir im Vergleich zu Gleichaltrigen Sorgen um das Sprechen, Verstehen oder die Beteiligung deines Kindes, sprich mit der Kinderarztpraxis. Dort kann man dich beruhigen oder eine Untersuchung veranlassen.

Was du mitnehmen kannst

Für einen Erzählabend in der Familie wähl einen festen, gemütlichen Termin, halte den Rahmen einfach, erzählt eine Mischung aus erfundenen, wahren und überlieferten Geschichten und lass deine Kinder mitgestalten. Webt eure Wurzeln ein, passt euch an unterschiedliche Altersstufen an und schützt das Ritual mit einer nachsichtig niedrigen Hürde. So schenkst du deinem Kind Fantasie, Sprache, Nähe und ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit, alles aus der ältesten Form von Zusammensein, die wir haben.

Das Wichtigste: Wähl einen festen, gemütlichen Termin, halte es einfach, erzählt erfundene, wahre und überlieferte Geschichten und lass die Kinder mitgestalten. Zugehörigkeit wächst im gemeinsamen Fantasieren.

NHS, Start for Life: reading, talking and storytelling with your child

UNICEF, Parenting: the power of storytelling and reading together