Zweisprachig vorlesen: Bücher in zwei oder mehr Familiensprachen

Spricht deine Familie mehr als eine Sprache, fragst du dich vielleicht, in welcher du vorlesen sollst, ob das Mischen dein Kind verwirrt oder ob du bei der Sprache von Kita und Schule bleiben solltest. Die beruhigende Antwort aus jahrzehntelanger Forschung: Mit mehr als einer Sprache aufzuwachsen ist eine Stärke, keine Last. Zweisprachiges Vorlesen stärkt Sprache, Denken und ein gutes Gefühl dafür, wer man ist, und es gibt keinen einzig richtigen Weg dafür.

Zwei Sprachen verwirren nicht

Eine verbreitete Sorge ist, dass Vorlesen in zwei Sprachen ein Kind durcheinanderbringt oder sein Sprechen verzögert. Empfehlungen aus Kindergesundheit und Kinderheilkunde sind hier klar: Kleine Kinder sind darauf angelegt, mehr als eine Sprache zu lernen, und das verursacht keine Sprachverzögerung. Kinder mischen eine Zeit lang vielleicht Wörter aus beiden Sprachen, das gehört normal zum Sortieren dazu und ist kein Zeichen für Schwierigkeiten. Wichtig ist viel warme, reiche Sprache, und Bücher sind eine wunderbare Quelle genau dafür.

In der Sprache vorlesen, in der du dich zu Hause fühlst

Du musst deinem Kind nicht auf Deutsch vorlesen oder in der Sprache von Kita oder Schule. Am wertvollsten ist meist, in der Sprache vorzulesen, die du am besten kannst, weil du dann ausdrucksstark sein, eigene Bemerkungen einbauen und das Buch wirklich genießen kannst. Zweisprachiges Vorlesen klappt am besten, wenn jeder Erwachsene in der Sprache liest, in der er sich am sichersten und wohlsten fühlt. Dann wird die Geschichte lebendig und klingt nicht steif.

Du brauchst nicht in jeder Sprache Bücher

Ein häufiges Hindernis ist, keine Bücher in der Familiensprache zu haben, und das lässt sich leicht lösen. Du kannst die Geschichte jedes Bilderbuchs in jeder Sprache erzählen, den gedruckten Text ignorieren und stattdessen über die Bilder sprechen. Ein Buch auf Deutsch wird so zu einer Geschichte auf Türkisch, Polnisch oder Arabisch, einfach indem ihr die Bilder gemeinsam anschaut. Das erspart dir die Suche nach besonderen Ausgaben und heißt, dass jedes Buch im Regal jeder Sprache dient, die du sprichst.

Praktische Wege, Sprachen einzuweben

  • Lass jeden Elternteil in der Sprache vorlesen, die er am besten kann.
  • Erzähl die Geschichte jedes Buches über die Bilder in deiner Familiensprache.
  • Halte ein paar Bücher in jeder Sprache bereit, wenn du welche findest, auch aus der Bücherei.
  • Singt neben dem Vorlesen Lieder und Verse in euren Familiensprachen.
  • Folge deinem Kind, wenn es in einer anderen Sprache antwortet.

Spielerisch, kein Unterricht

Vorlesen über Sprachen hinweg soll sich nach Verbindung anfühlen, nicht nach Hausaufgaben. Du musst weder jede Zeile übersetzen noch dein Kind Vokabeln abfragen noch darauf bestehen, dass es in einer bestimmten Sprache antwortet. Hört dein Kind in einer Sprache zu und antwortet in einer anderen, ist das völlig in Ordnung und sehr verbreitet. Wärme und geteilte Aufmerksamkeit zählen viel mehr als perfekte Beständigkeit, und eine entspannte Haltung hält dein Kind offen für jede Sprache, die du anbietest.

Die kleinere Sprache besonders schätzen

Die Mehrheitssprache bekommen Kinder reichlich über Kita, Fernsehen und Alltag mit. Es ist die Familiensprache oder Herkunftssprache, die oft zusätzliche Pflege braucht, weil sie weniger Quellen hat. Vorlesen, Singen und Erzählen in dieser Sprache geben ihr Ansehen und Halt im Kopf deines Kindes. Sie stark zu halten ist nicht nur gut für die Verständigung. Es hilft deinem Kind, mit Familie, Kultur und Herkunft verbunden zu bleiben, und das ist etwas Kostbares.

Familie und Gemeinschaft dazuholen

Du musst nicht jede Sprache allein tragen. Großeltern, Verwandte und Freunde, die eure Familiensprachen sprechen, sind eine wunderbare Quelle für Geschichten, Lieder und Verse, ob persönlich, per Videoanruf oder als aufgenommene Geschichte zum Schlafengehen. Gemeinschaftsgruppen, Gotteshäuser und Kulturveranstaltungen teilen oft auch Bücher und Geschichten. Je mehr Stimmen dein Kind in einer Sprache hört, desto echter und wertvoller fühlt sie sich an. Das nimmt dir auch Druck und umgibt dein Kind mit dem lebendigen, alltäglichen Klang jeder Sprache, die du weitergeben möchtest.

Wann du dir Beruhigung holst

Zweisprachigkeit selbst verursacht nie eine Sprachverzögerung und ist darum nie der Grund zur Sorge. Die üblichen Meilensteine der Sprache gelten aber über alle Sprachen deines Kindes zusammen. Brabbelt dein Kind nicht, benutzt keine Gesten oder setzt nicht ungefähr altersgemäß Wörter zusammen, oder machst du dir Sorgen um sein Hören, sprich es in der Kinderarztpraxis an. Bitte darum, alle Sprachen zu berücksichtigen, die dein Kind versteht und benutzt, denn der Blick auf nur eine kann ein irreführend düsteres Bild ergeben.

Was du festhalten kannst

Dein Kind mit mehr als einer Sprache großzuziehen und mit ihm über diese Sprachen hinweg zu lesen ist ein echtes Geschenk. Du musst dich weder für eine Sprache entscheiden noch dich ums Mischen sorgen noch die perfekten Bücher besitzen. Lies in der Sprache, die du am meisten liebst, erzähl die Geschichte jedes Buches in deiner Familiensprache, halte es spielerisch und gib deiner Herkunftssprache viel Raum. Zweisprachiges Vorlesen nährt die Wörter deines Kindes und sein Gefühl, dazuzugehören.

Das Wichtigste: Vorlesen in euren Familiensprachen ist eine Stärke, kein Risiko. Lies in der Sprache, die du am besten kannst, erzähl jedes Buch in ihr und halte es warm und spielerisch.

American Academy of Pediatrics, HealthyChildren.org: Is bilingualism good for children?

UNICEF, Reading with your children