Freies Gestalten mit Kleinkindern: Was Process Art bedeutet

Warst du schon einmal enttäuscht, weil das Bild deines Kleinkinds wie ein brauner Schmierfleck aussieht? Dann ist dieser Text für dich. Genau dieser Fleck kann ein perfektes Beispiel für etwas Wertvolles sein. Beim freien Gestalten, im Englischen Process Art genannt, geht es überhaupt nicht um das fertige Bild. Es geht um das Erleben beim Gestalten. Wer das verstanden hat, merkt, wie viel Druck rund um die Bastelzeit einfach abfällt.

Weg und Ergebnis

Die meisten Erwachsenen denken bei Kunst an ein Produkt: eine Zeichnung, ein Bild, etwas zum Bewundern oder für den Kühlschrank. Solche Kunst hat ein Ziel und ein richtiges Ergebnis. Freies Gestalten hat beides nicht. Es geht ums Tun, ums Mischen, Verteilen, Drücken und Erkunden, ohne festes Ziel im Kopf. Für ein sehr kleines Kind ist genau das die Art von Kunst, die zu seiner Entwicklung passt. Es will keine Katze malen. Es findet heraus, was passiert, wenn es Farbe herumschiebt.

Warum es so gut zu Kleinkindern passt

Kleinkinder lernen über ihre Sinne und Hände, und ihre Feinmotorik entwickelt sich noch. Verlangt man ein erkennbares Bild, sind Misserfolg und oft auch Lustlosigkeit vorprogrammiert. Freies Gestalten holt sie dort ab, wo sie stehen. Es lässt sie frei experimentieren, ihrer Neugier folgen und das Material genießen, ohne einen Maßstab zu erreichen. Weil es kein Falsch gibt, gibt es keinen Frust, und darum fesselt diese Art von Kunst.

So sieht es im Alltag aus

Freies Gestalten ist meist einfach und offen. Ein Tablett mit Farbe, die dein Kind mit den Händen verschmiert, ein Klumpen Knete zum Zerdrücken, eine Seite voller Sticker oder gefärbtes Wasser zum Umschütten zwischen Bechern. Es gibt keine Vorlagen, keine Anleitung und kein Muster zum Nachmachen. Du bietest das Material an, und dein Kind entscheidet alles andere. Fertig ist es, wenn das Interesse nachlässt, nicht wenn ein Bild vollendet ist.

Das fertige Ergebnis loslassen

Am schwersten fällt vielen Eltern, die Idee eines schönen Erinnerungsstücks loszulassen. Dein Kind übermalt vielleicht die schönste Stelle, mischt alle Farben zu Grau oder reißt das Papier auseinander. Das kann sich nach Verschwendung anfühlen, aber für dein Kind gehört alles zum Erkunden. Brauchst du kein schönes Ergebnis mehr, kann dein Kind voll experimentieren, und du befreist dich von der leisen Enttäuschung, die sich manchmal in die Bastelzeit schleicht.

Wie du dabei sprichst

Wie du reagierst, prägt, wie sich dein Kind beim Gestalten fühlt. Beschreib, was du siehst, statt zu loben oder zu fragen. Du kannst bemerken, dass es die Farben verrührt, einen großen Klecks gemacht oder die ganze Hand benutzt hat. Frag lieber nicht, was es ist, denn meist macht dein Kind gar nichts Bestimmtes. Solche Bemerkungen halten den Blick auf dem Erleben und sagen deinem Kind, dass sein Erkunden zählt und kein Produkt.

Mit Klecksen rechnen

Freies Gestalten ist meist kleckeriger als ein ordentliches Ausmalbild. Ein wenig Vorbereitung hilft dir, entspannt zu bleiben. Alte Kleidung, eine abwischbare Fläche oder Matte, auswaschbares Material und ein feuchter Lappen in der Nähe decken das meiste ab. Auf Hartboden oder draußen kann dein Kind loslegen, ohne dass du daneben schwebst. Wer mit Dreck rechnet, bricht das Spiel viel seltener ab, und genau dort steckt der Wert.

Ein Sicherheitshinweis für Kunst mit den Händen

Weil freies Gestalten so sehr mit den Händen passiert, lohnt sich ein Moment für die Sicherheit. Wähle ungiftige, auswaschbare Farben, Kleber und Knete, denn Kleinkinder fassen sich mitten im Spiel oft an den Mund. Halte Kleinteile wie Perlen, Pailletten und trockene Nudeln von jedem Kind fern, das noch Dinge in den Mund steckt, und bleib dicht dabei. Selbstgemachte Knete kann viel Salz enthalten, halte dein Kind also vom Probieren ab. Hat dein Kind empfindliche Haut und reagiert auf ein Material, hör auf, spül die Stelle ab und frag in der Apotheke oder Kinderarztpraxis nach, wenn es nicht abklingt.

Was dein Kind dabei lernt

Es mag aussehen, als würde dein Kleinkind nur Dreck machen, aber es passiert viel. Es baut Kraft und Kontrolle in der Hand auf, erkundet Ursache und Wirkung, trifft Entscheidungen und entdeckt, wie sich Material verhält. Es lernt auch, dass seine Ideen es wert sind, verfolgt zu werden, und dass Ausprobieren sicher ist. Diese frühen Erfahrungen mit selbstbestimmtem Gestalten legen Grundlagen für Selbstvertrauen, Problemlösen und später gezieltere Kunst. Der Fleck leistet mehr, als man ihm ansieht.

Freies Gestalten im Alltag

Besondere Anlässe oder aufwendige Pläne brauchst du nicht. Ein Tablett mit Farbe, etwas Knete oder gefärbtes Wasser an einem ganz normalen Nachmittag reichen. Wiederholst du einfache Aufbauten, kann dein Kind jedes Mal tiefer einsteigen, und Vertrautheit tröstet, statt einzuengen. Weil freies Gestalten außer Vorbereitung und Gegenwart so wenig von dir verlangt, lässt es sich leicht in normale Tage einweben, ohne zur Pflicht zu werden.

Der Blickwechsel, der am meisten hilft

Wer versteht, worum es beim freien Gestalten geht, sieht das Ganze mit anderen Augen. Statt ein wackliges, unerkennbares Ergebnis zu beurteilen, kannst du deinem Kind beim Erkunden zuschauen, sein Tun kommentieren und den Dreck als Teil der Sache sehen. Dieser Blickwechsel nimmt euch beiden den Druck und macht die Bastelzeit zu etwas wirklich Schönem, und genau das lockt dein Kind immer wieder zum Gestalten.

Das Wichtigste: Beim freien Gestalten zählt das Erkunden deines Kleinkinds mehr als jedes fertige Bild. Biete offenes Material an, beschreib das Tun und lass das Ergebnis los.

AAP HealthyChildren, The power of play

UNICEF, Learning through play