Baumrinde durchreiben: Oberflächen entdecken mit Kindern

Die meisten von uns gehen an Bäumen vorbei, ohne zweimal hinzuschauen. Ein kleines Kind aber, das sich an einen Stamm drückt, entdeckt eine ganze Landschaft: Rillen und Risse, raue und glatte Stellen, winzige Wohnungen für Insekten und Flechten, die wie grüne Spitze wachsen. Bäume sind einer der leichtesten Wege, einem Kind die Augen für Oberflächen zu öffnen, und ein einfaches Durchreibebild holt diese verborgene Oberfläche auf eine Weise aufs Papier, die sich ein bisschen nach Zauberei anfühlt. Du brauchst nur Papier, einen Wachsmalstift und einen Spaziergang mit einem oder zwei Bäumen.

Warum Oberflächen für kleine Kinder zählen

Bevor Kinder Wörter lesen, lesen sie die Welt mit den Händen, und die Beschaffenheit von Dingen gehört zu dem, was sie als Erstes erkunden. Zu spüren, dass etwas rau, glatt, holprig oder weich ist, baut Wortschatz auf und eine genaue, sinnliche Art der Aufmerksamkeit. Bäume sind dafür ideale Lehrer, weil ihre Rinde von Art zu Art so verschieden ist. Wenn du Rindendurchreiben und Fühlen verbindest, bekommt dein Kind eine Beschäftigung, die zugleich zum Anfassen, künstlerisch und naturwissenschaftlich ist: Es fühlt die Oberfläche, beschreibt sie und nimmt einen Abdruck mit nach Hause, der das Bemerkte festhält.

Erst fühlen, dann reiben

Fangt mit den Händen an, nicht mit Papier. Geh mit deinem Kind zu einem Baum und lade es ein, mit den Handflächen über die Rinde zu streichen, die Augen zu schließen und zu beschreiben, was es fühlt. Rau oder glatt, warm oder kühl, trocken oder feucht, hart oder ein bisschen bröselig? Probiert ein paar verschiedene Bäume und vergleicht, denn eine alte Eiche fühlt sich ganz anders an als eine glatte junge Birke oder eine faserige Kiefer. Dieses Fühlen ist das Herz des Entdeckens, und es kostet nichts. Ermuntere dein Kind, eigene Wiewörter zu finden, und biete neue an, wenn es so weit ist, etwa gerillt, schuppig, knubbelig oder rissig.

So entsteht ein Durchreibebild

Das Durchreiben selbst ist einfach und macht zuverlässig Freude. Halte ein Blatt einfaches oder dünnes Papier flach an den Stamm, oder lass dein Kind es halten, und reibt dann mit der Seite eines Wachsmalstifts oder einem weichen Bleistift hin und her. Das Rindenmuster erscheint wie von Zauberhand auf dem Papier. Nimm die Seite eines Wachsmalstifts ohne Papierhülle statt der Spitze, so wird die Struktur deutlicher und das Papier reißt nicht. Probiert verschiedene Bäume aus, um eine Sammlung gegensätzlicher Muster zu bekommen, und schreibt auf Wunsch dazu, von welchem Baum jedes stammt. Herbstblätter und raue Mauern eignen sich auch gut.

Über das Muster sprechen

Die fertigen Bilder laden zu noch mehr Schauen und Reden ein. Legt sie nebeneinander und vergleicht: Welcher Baum hatte die tiefsten Rillen, welcher die feinsten Linien, welcher war fast glatt? Frag dein Kind, welches Muster ihm am besten gefällt und warum. Überlegt gemeinsam, warum verschiedene Bäume verschiedene Rinde haben, und du kannst eine einfache Idee anbieten: Rinde ist wie die Haut oder der Mantel eines Baums und schützt das weiche Holz darunter, und jede Baumart hat ihre eigene entwickelt. Achtet darauf, dass das Bild Risse und Knubbel zeigt, die dein Kind mit bloßem Auge vielleicht übersehen hätte. So siehst du, wie das Durchreiben den Blick schärft.

Das Leben am Baum

Wenn ihr schon so nah am Stamm seid, gibt es eine ganze Gemeinschaft zu entdecken. Sucht nach Insekten, die in den Ritzen ihren Geschäften nachgehen, nach grünen oder grauen Flechten und Moos, nach kleinen Löchern, die Wohnungen sein könnten, und schaut, wie Efeu oder andere Pflanzen an der Rinde hochklettern. So wird aus dem Durchreiben ein größerer Naturmoment, und dein Kind sieht, dass ein einziger Baum ein belebter Ort voller Lebewesen ist. Erinnere es daran, sanft zu schauen und anzufassen, aber Insekten nicht anzustupsen und Moos und Flechten nicht abzureißen, denn auch sie leben und wachsen nur langsam nach.

Aus Durchreibebildern wird mehr

Die Abdrücke deines Kindes können zu vielem führen. Schneidet sie aus und klebt sie in ein Naturtagebuch, oder setzt mehrere zu einer Collage von einem ganzen Baum oder einem Wald zusammen. Nehmt bunte Wachsmalstifte für Herbsttöne oder legt Bilder übereinander für einen geschichteten Effekt. Ihr könnt ein Familienspiel daraus machen, auf jedem Spaziergang ein Bild von einem neuen Baum zu sammeln und nach und nach ein kleines Album der Oberflächen anzulegen. So kann die Beschäftigung wachsen, und dein Kind wird sanft ermuntert, immer wieder Bäume zu besuchen und zu vergleichen. Aus Beobachten wird Gewohnheit.

Eure Bäume kennenlernen

Mit der Zeit kann aus dem Entdecken von Oberflächen eine Freundschaft mit bestimmten Bäumen werden. Sucht euch einen Baum in der Nähe aus, den ihr das ganze Jahr besucht, und achtet darauf, wie er sich verändert: kahl im Winter, mit Knospen im Frühling, belaubt im Sommer, Blätter abwerfend im Herbst, während die Rinde zuverlässig dieselbe bleibt. Dein Kind beginnt, Lieblingsbäume an Rinde und Form zu erkennen, und das ist echtes, verwurzeltes Wissen über die Natur vor der Haustür. Die Baumart muss dafür niemand benennen. Zu wissen, dass dieser Baum sich rau anfühlt und jener sich schält, ist eine echte Beziehung zur Natur.

Kurz zur Sicherheit

Das ist eine sehr sichere Beschäftigung, wenn ein paar Gewohnheiten sitzen. Wascht euch nach dem Anfassen von Rinde, Moos und allem am Baum und vor dem Essen die Hände, denn Oberflächen draußen tragen Keime. Achte bei rauem oder totem Holz auf Splitter und halte dein Kind von Bäumen an stark befahrenen Straßen oder auf unsicherem Boden fern. Wachsmalstifte und kleines Bastelmaterial gehören außer Reichweite von Babys, die alles in den Mund stecken. Bekommt dein Kind nach dem Berühren eines Baums oder einer Pflanze einen Ausschlag, hol dir ärztlichen Rat, denn manche Pflanzen können die Haut reizen.

Das Wichtigste: Fühlt die Rinde und beschreibt sie, dann haltet das Muster mit einem Wachsmalstift fest. Bäume so zu vergleichen fördert Sprache und genaues Hinschauen.

NHS, Physical activity guidelines for children under 5 years

AAP HealthyChildren.org, The Power of Play